Ab in die Kiste ...

Ein Gedanke zur Zeit

Rechtzeitig mit dem Lebkuchen- und Zimtsterneangebot der Lebensmittelketten hat auch der Kirchenvorstand der Ulmer Münster-Gemeinde seine Krippenfiguren vom Dachboden geholt und genauer betrachtet. Dabei fiel der missliebige Blick des kritischen Gremiums auf den afrikanischen Weisen Melchior. Seine wulstigen Lippen, seine Körperfülle und sein Goldreif am nackten Fußgelenk beförderten eine rassistische Sichtweise auf Afrikaner, befanden die Gemeindeverantwortlichen. Und so wurde beschlossen, die drei weisen Männer künftig in ihrer Kiste zu belassen – statt an der Krippe. Mit der entsprechenden Veröffentlichung dieser wegweisenden Entscheidung rückten nun auch die Evangelischen in Ulm ihre Sorge um einen sich verbreitenden Rassismus in unserem Land ins rechte Licht.

Der geschnitzte Melchior aber an seiner Ulmer Krippe ist seit Jahrzehnten bestens integriert in die illustre Schar der Anbetenden – nichts Gegenteiliges wurde je aus der Münstergemeinde vernommen.

Viel weniger integriert sind dagegen Afrikaner ...in unserer heutigen Gesellschaft – auch wenn sie schlank sind und statt eines Goldrings am Fußgelenk moderne Kleidung tragen. In Fußballstadien imitieren Zuschauer Affenlaute, wenn schwarze Spieler auflaufen und bei der Polizei stehen Afrikaner infolge eines Racial Profilings deutlich häufiger im Focus als Europäer. Das – und nicht der Ulmer Melchior – macht mir Sorge. Wie gerne würde ich diese Rassisten verpackt in einer Kiste lassen. Denn sie haben nun wirklich nichts an der Krippe des Herrn zu suchen.  

Dekan Martin Steinbach

Evang. Kirche, Bad Tölz